Hotel Dracula, Mitteleuropa, Deutschland, südlich von Kassel aber nördlich von München. Weit und breit nur Felder, Wälder und Wiesen und mittendrin „Hotel Dracula“, welches heute die Ehre hat mich kennenzulernen – oder umgekehrt.
Wie es dazu kam? Ja, ich war mal wieder so nett, dem Philharmonischen Orchester HierUndDa meine Aushilfe zuzusagen.
„Bitte, Frau Gretchenfrage, kommen Sie so schnell wie möglich. Allerdings sitzen wir zur Zeit mitten in einer Baustelle. Da müssten Sie schon seeeeehr sehr rechtzeitig losfahren, wenn Sie morgen pünktlich bei der Probe sein wollen. Oder… warten Sie mal… wir könnten Sie in einem Hotel unterbringen. Genau. Das machen wir. Dann müssen wir auch nicht fünf Mal die Fahrtkosten zahlen. Kommt für uns auf’s Gleiche raus.“
Schnell überschlage ich im Kopf. Zahlen die die Fahrt so schlecht, oder ist das Hotel so billig? Nein, so ein billiges Hotel gibt’s nicht. Und bei Bed&Breakfast werden die mich schon nicht unterbringen. Vielleicht haben die ein Arrangement mit einem Hotel, so wie unser Laden. Sicher. So wird’s sein!
Also sage ich zu, erhalte die Daten des Hotels und den Probenplan per Mail und mache mich auf den Weg. Meine blöde Nüvinette hat nicht alle Baustellen intus und leitet mich im Kreis, ist verwirrter als ich. Während ich leise vor mich hin fluche, beim Kaffeetrinken gleich drei Tassen getrunken zu haben, die nun unbedingt mal die verregnete Landschaft sehen wollen, vergehen die Stunden.
Gefunden habe ich es dann doch noch: Erst geht es von der Autobahn ab, dann 35km über einsame Landstraßen, schließlich durch einen finsteren Wald und dahinter liegt schließlich und endlich das Hotel. Ich bin glücklich. Steige aus dem Auto und tappe gleich in ein Schlagloch. Leider voller Regenwasser. Die Schuhe sind nass. Zum Glück nur die Turnschuhe und nicht die Konzertpumps. Aber trotzdem. Auch die Jeans hat etwas abbekommen. Soll ich morgen in der Schlafanzughose zur Probe gehen?
Ach, by the way… habe ich euch eigentlich schon mal auf diesem Blog erzählt, wie es dazu kam, dass ich eine Opernvorstellung im Schlafanzug gespielt habe? Bitte im KOMMENTAR antworten!
An der Rezeption schiebt „Jenny“ dinest. So steht es zumindest auf ihrem Namensschild. Soll ich nun „Guten Abend!“ oder „Hi Jenny!“ sagen? Sie sieht für eine Hotelfachfrau ein wenig ungewöhnlich aus, vielleicht sollte man bei ihrer Berufsbezeichnung das Wort HOTEL weglassen. Ich entscheide mich jedenfalls für die förmliche Variante, schließlich bin ich nicht mehr 20!
Gretchen: "Guten Abend."
„Oh, hi! Frau Gretchenfrage?“ Woher weiß sie das denn? Bin ich der einzige Gast heute Abend? Die Rezeption steht quasi mitten im Restaurantbereich des Hotels. Dort herrscht gähnende Leere. „Zimmer 16. WLAN gibt’s nicht. Nur für den Fall dass sie’s versuchen. Hihi.“
Sie knallt mir den Schlüssel auf den Tresen.
„Ich komm grad mit. Ist im Hinterhaus.“
Sie öffnet die Hoftür. Draußen ist alles verregnet, der Hof wirkt verlassen, eine einsame Energiesparlampe beleuchtet sparsam die Waschbetonplatten.
„Erster Stock!“
Ich drehe mich um, will mich höflich bedanken und verabschieden, doch da klappt schon die Stahltür zu und Jenny ist verschwunden. Mit nassen Füssen tappe ich durch den Hof. Die verschlossene Stahltür zum Hinterhof-Gebäude bekomme ich mit meinem Zimmerschlüssel auf.
„Hoffentlich gibt es nicht nur einen Universalschlüssel, den jeder Gast bekommt. Sozusagen ‚Ein Mal zahlen gleich Zutritt für alle Zimmer!‘.“
Mich schaudert. Was ist denn das für ein merkwürdiges Hotel? Ich will nach Hause! Wahrscheinlich lese ich zu viele Krimis, denn hinter jeder Ecke vermute ich einen Zuhälter, Entführer oder Mörder. Schnell verdrücke ich mich in das Hotelzimmer Nummer 16 und drücke auf den Lichtschalter…
… nichts! Die Flurbeleuchtung weist mir zum Glück noch den Weg zum Bett und mit dem dort befindlichen Lichtschalter habe ich mehr Glück. Pling und eine hässliche Energiesparlame (jawohl, ich habe was gegen diese Dinger!) beleuchtet den Raum:
Ein Doppelbett. Immerhin. Ein Fernseher hängt auf einem IKEA-Gestell an der Wand. Allerdings ist der so klein, dass ich vom Bett aus wahrscheinlich nichts mehr sehen werde. Da ist ja mein Laptop-Bildschirm größer! Minibar – Fehlanzeige.
Auch gibt es keinen Obstkorb, keine liebevoll arrangierte Flasche Mineralwasser für nur 4,50€ auf dem Zimmer. Die Bilder an den Wänden erinnern an Kunstwerke des Volkshochschulkurses „Jeder kann malen – Teil 1“.
Ich versuche mich am Fernseher. Geht nicht. Jedenfalls nicht mit der Fernbedienung. Der Fehler ist schnell gefunden: Jemand hat die Batterien geklaut. Ich werfe einen Blick ins Bad. Nasszelle trifft es wohl eher. Um genau zu sein: Das ist eine Nasszelle der Urform. Mein Studentenwohnheim Baujahr 1960 hatte eine schönere. Wenigstens war die in freundlichem Orange. Diese hier ist grau. Aber wenigstens sauber. Jedenfalls auf den ersten Blick.
Ich wasche mir die Hände, um das Warmwasser zu testen. Geht. Prima. Auch ein Handtuch hängt über dem Waschbecken. Nicht schlecht. Das wurde wohl noch nicht geklaut. Ich wasche mir gleich noch das Gesicht und trockne mich ab…
…aaaah! Diese merkwürdige Webstruktur auf dem Handtuch kann nur eines bedeuten: Es ist eine Fußmatte! Bäääh! Ich wasche mein Gesicht gleich nochmal und finde nun auch ein richtiges Handtuch. Inständig hoffe ich, dass die Fußmatten in diesem Hotel auch gelegentlich bei 90°C keimfrei gewaschen werden.

Ansonsten bietet das Bad nicht viel: Ein Plastikklo was übel knatschen kann, ein Plastikzahnputzbecher und ein Mini-Stückchen Seife. Sieht eher aus wie ein kleiner Bonbon, aber riecht ekelhaft und es steht auch das Wort SEIFE drauf. Meine Güte. In diesem Hotel ist nichts wie es scheint.
Mal sehen was mich morgen beim Frühstück erwartet. Vielleicht sollte ich besser zu Mäcces oder Burgerkönig gehen.
Da weiß man wenigstens woran man ist und was einen erwartet.
Und was mache ich jetzt? Vom Fernseher kann ich vom Bett aus nichts sehen, ins Internet komme ich nicht und mein Buch habe ich Zuhause vergessen. Mit Schaudern denke ich an die bevorstehenden Tage bei den HierUndDa-Philharmonikern. Mir ist gerade nicht so richtig nach Kreativität! Diesem Ambiente kann man keine Tonart zuordnen, so kalt ist es.
Vielleicht paßt ein verminderter Akkord ohne Auflösung, dazu ein paar quietschend hohe Flageolet-Töne einer einsamen Geige.
Kennt jemand die Oper „Herzog Blaubarts Burg“? Schöne, gruselige Sache. Die paßt zu diesem Hotel! Bin schon sehr gespannt auf morgen!
Viele Grüße,
Euer Gretchen
PS. Mangels Internetzugang zwar am Freitag getippt, aber heute erst gepostet. Ich habe das Hotel also überlebt... aber nur knapp! Wollt ihr Teil 2 auch noch lesen?